Kürzlich hatte ich am Flughafen Zürich wieder mal eine dieser Begegnungen der vierten Art. Auf den Flieger wartend, treffe ich plötzlich einen entfernten alten Bekannten aus dem Studium. Ganz objektiv konnte ich den damals schon nicht recht leiden, obwohl das auch schon wieder so lange her ist, dass ich mich nicht mehr erinnern kann, warum eigentlich – vermutlich hat er mir mal ein Mädel ausgespannt oder so…
Er ist mittlerweile ein [scheinbar] halbwegs gefeierter Psychotherapeut und hält Vorträge, so auch hier in der Schweiz, wo er sich 3 Tage den Mund fusselig geredet hat, vermutlich für einen Monatslohn pro Stunden – mir kommen die Tränen.
Nach kurzer Zeit geht uns der Gesprächsstoff aus und er [Fahrer eines neuen A7, was immerhin leidlichen Stil beweist] fragt mich, ob ich “immer noch diesen Youngtimer-Kram mache.”
“Spüre ich da eine leise Wertung…?” hake ich nach, angriffslustiger, als mir eigentlich recht ist.
“Nein – wieso?”
“Kram hat etwas wertendes…“
“Nein – aber interessant, dass Du gleich in diese Defensive gehst.”
“Tu ich gar nicht. Und ja – Ich mache immer noch den Youngtimer-Kram. Mit wachsender Begeisterung, möchte ich beinahe sagen.”
“Das hatte ich mir beinahe gedacht. Ist halbwegs typisch in Deinem Alter.”
“…?“
“Naja – ich meine, die Wahrheit ist doch: Youngtimer fahren ist doch ein Ausdruck von Realitätsflucht. Du willst wieder ein Kind sein und vor der Komplexität des Alltags fliehen, die heute Dein Leben bestimmt.”
“Hä?“
“Ja, Youngtimer sind die Autos der Väter, als Du noch beschützt warst und dir ebenso egal wie unbekannt war, wo Geld herkommt und wer Dinge regelt. Du hattest keine Sorgen ausser der nächsten Wickie-Folge”
“Blödsinn – ich mag die Desgins der Zeit und die überschaubare Technik“
“Da hast Du es doch – ‘überschaubar’ – die Komplexität des heutigen Alltags macht Dir Angst!”

Im Motorraum eines Wolga-Youngtimers haben Marderfamilien Platz für die Überwinterung - Das ist übersichtlich und schafft Vertrauen
Eine gewisse grundsätzliche Reizung breitet sich in mir aus. “Schwätzer,” möchte ich sagen, spar es mir aber und sage stattdessen “Schwätzer“.
“Ah – Ablehnung, Leugnen – das ist immer die erste Phase…”
“Das hat mit deinem tiefenpsychologischen Krempel doch einfach gar nichts zu tun – ich möchte dann nicht wissen, was Du über Fußball-Fans und Briefmarkensammler denkst. Ich sehe einfach eine gewisse Schönheit in älteren Fahrzeugen. Und billig sind sie auch und man kommt mit vielen interessanten Menschen ins Gespräch. Und übrigens: Ich mochte Youngtimer schon damals, als ich noch Wickie geschaut habe – das ist also alles nicht anwendbar bei mir.”
“Leugnen”
“Ausserdem: die Youngtimer verändern sich doch längst. Wir reden doch schon gar nicht mehr von den Wagen unserer Väter. Sonst gäbe es auch keine Newtimer-Bewegung, oder?“
“….äh?”
“Siehst Du, Pauschalmeinungen haben noch keinem geholfen, schon gar nicht in Deiner Branche – da kommt mein Flieger.”
Was ist Deine Meinung: Ist Youngtimer Fahren Realitätsflucht?


Früher waren die Wertvorstellungen zum Auto ganz anders wie heute.Ein Autor hat in der vorletzten Auto Bild einen interessanten kleinen Bericht dazu geschrieben. Da ich diese Wertevermittlung heutzutage überhaupt nicht teile, ist die Realitätsflucht in die Vergangenheit doch eigentlich die einzigste Option. wenn ich mir heute die Autos anschaue sind sie optisch schonmal das Spiegelbild unserer Gesellschaft. Übergewichtig, arrogant und hässlich. Ganz vorne die Premiummarken! und nein es nicht der Neid.
Es gibt immer verschiedene Perspektiven. Aus der Perspektive eines Freud-Jüngers ist eine solche Psycho-Analyse nicht überraschend. Die Frage könnte doch lauten, was ist überhaupt realitätsfremd bzw. Realitätsfluch. Ist es nicht realitätsfremd einen Audi A7 zu fahren, der kaum aus der Garage gefahren, einen gefühlten Wertverlust in Höhe von 20% hat? Ist es nicht Realitätsflucht, zu glauben ich wäre in einem nagelneuen Audi A7 erfüllt? Ne, der Pschoanalytiker sollte weiterhein auf seinem Podium stehen und den Leuten etwas von der freudschen Analyse philosophieren
[...] die Zugriffe auf den Server eskalieren, die Abstimmungsergebnisse zeigen mal den vorne, dann wieder jenen – Spannung pur [...]
Die Fahrzeuge meiner Kindheit sind auch diejenigen, die mich heute nicht loslassen. Egal ob Subaru Leone, Toyota Tercel 4WD oder die ersten beiden Generationen Pajero, mit denen bin ich aufgewachsen und die sind mir jetzt immer noch die liebsten. Besser, schneller, schöner etc. sind andere, aber in Sachen Sympathie schlägt sie keiner.
Als Ossi und W124 Fahrer wird bei mir wahrscheinlich eine Sehnsucht zur Wohlstandsgesellschaft BRD diagnostiziert. Mein Vater fuhr Moskwitch, cool finde ich den auch, fahren will ich ihn nicht.
Deswegen lieber gleich richtig und Wolga fahren ;->
Die Fahrzeuge meines Vaters in meiner Kindheit waren W123 und in Teenagerjahren W124 und W126 (die Fahrt an den Bodensee in den Urlaub war dank Platz auf der Rückbank super entspannend). Aber was, wenn mein Youngtimer Interesse auch Fahrzeuge beinhaltet, in denen mein Vater nie saß? VW Golf I GTI (weil mein Baujahr) oder Fiat Panda (weil der in den automobil-losen später Teenagerjahren besser gewesen wäre als kalte Straßenbahnhaltestellen), Lada Niva (weil auch heute noch als Neuwagen erhältlich), VW Golf I Cabrio (weil automobiler Sommerklassiker)…. etc…..
Und für mich (gelernter Kaufmann, Jahreswagenfahrer, null Ahnung vom Autoschrauben) wäre ein Youngtimer auf jeden Fall komplexer als ein aktuelles Fahrzeug, das mich im ersten Jahr noch nie im Stich gelassen hat.
Vielleicht ist es aber auch die Hoffnung, das ein relativ rostfreier Youngtimer vermutlich auch in 20 Jahren noch besser da stehen wird als ein aktueller Neuwagen in 20 Jahren beim Thema Korrosion.
Der Psychotyp hat falsch analysiert.
Gruß
Thorsten
Eine interessante Theorie, die man allerdings auch von der gegenüber liegenden Seite betrachten kann. Hat der Psycho-Kollege vielleicht Angst vor der Komplexität eines Youngtimers? Ist sein Alltag derart mit Terminen, Verpflichtungen und (eventuell sogar) Versagensängsten überladen, dass der bloße Gedanke an einen nicht anspringenden Wagen ihm den Angstschweiß auf die Stirn treibt?
Plötzlich kann man nicht mehr die Audi-Hotline anrufen und Garantieleistung, kostenlose Einschleppung und Ersatzwagen schreien. Die Übersichtlichkeit des Youngtimers wird in eben jener Situation doch zu einer echten Komplexität, durch Fehlerdiagnos (weil manuell, also ohne Laptop), Ersatzteilbeschaffung und dem Auffinden eines Menschen, der, soweit man die Zeit nicht selbst erübrigen kann, den Kahn wieder flott macht. Auf einer langen Strecke in einem alten Auto liegen zu bleiben ist doch der Super-Gau der Komplexität. Dieses Wagnis einzugehen, so wie es viele von uns jeden Tag tun, erfordert Abenteuerlust, Improvisationstalen und ein hohes Maß an Gelassenheit und innerer Ruhe.
Sind wir es also, die Angst vor dem Unvorhersehbaren haben? Oder ist es vielleicht doch Dr. Freud, der sich seine subjektive Sicherheit und Verlässlichkeit teuer in Ingolstadt erkauft?
Sehr geil… Jetzt freue ich mich fast auf die nächste Begegnung ;->