Wir schreiben das Jahr 1990, es ist kurz vor Weihnachten und es schneit schier abartig in den depressiven Bergen rund um Siegen. Eine Partie Risiko, die bereits seit 18:00 am Vorabend dauert, droht so gegen 03:40 morgens in eine entscheidende Phase im Kampf um Madagaskar zu rutschen, während die geschlagenen bereits Baileys trinken.

Dann klingelt das Telefon. “Hi – kannst Du mir schnell 1000 Mark borgen? Nur bis Ende der Woche?” Kein ‘Hallo, ich bin’s, ‘tschuldige die spätfrühe Störung…’ Man kennt sich…

“Hast Du ‘n Knall? Es ist 03:40 – was willst Du mit 1000 Mark?”

“Ich kann einen 32er BMW Motor bekommen – und halt Dich fest – - der passt in meinen 3er!”

“Es ist 03:41… Wir spielen Risiko… Du hast doch das Geld, warum holst Du es nicht selbst….?”

“Hab ich schon – soviel wie der Automat hergibt, aber du kannst nicht unbegrenzt abheben – ich hatte schon 1000 gestern Nacht und 1000 jetzt gerade eben und 1000 von meinem Bruder – aber ich brauch 4000! und das vor 8 Uhr.”

“Für einen Motor….? Ich meine: Du hast einen Motor… und 4000 scheint mir viel für einen Motor…”

“An dem Motor hängt noch der ganze Siebener…. Und mein Motor ist gestern auf der A45 abgeraucht – also: Kannst Du mir 1.000 Mark vorbeibringen oder nicht?”

puuuhh... wenn das mal nicht illegal ist: BMW 732 zu eigenartigen Bedingungen

“Vorbeibringen…? Sag mal, hast Du…. Achso – dein Motor…. Ja, wir machen uns auf die Socken.” Minuten später sitzen wir in meinem alten Volvo, 1000 Mark in kleinen gebrauchten Scheinen in der Geldbörse und kämpfen uns durch den Schnee zu einer Autobahnraststätte. Müdigkeit kommt auf und der starke Schneefall nervt gehörig. Als wir ankommen, stehen vor der Raststätte tatsächlich exakt 2 Autos: ein E21 323i unseres Freundes mit den akuten Geldsorgen und ein BMW 732 der ersten Serie mit Belgischem Kennzeichen. Ein Palast auf Rädern: Grün metallic, helle Lederausstattung, TRX-Räder, Radlaufchrom… Whow.

Alles Alles, aber auch ALLES an dem vorgeschlagenen Deal weckt das Misstrauen vernünftiger Menschen – die niederländischen Papiere, die mal in der Waschmaschine waren, beispielsweise – und der Umstand, dass diese Belgier, den noch nie zuvor jemand von uns gesehen hat, nur einen Kaufvertrag über den Motor machen will, den Wagen aber sozusagen dran lassen würde… Äähhh…? Die Einigung erfolgt schließlich, wie unter Auto-Begeisterten Jugendlich nicht anders zu erwarten: Wir nehmen das Ding – aber für 2000 und ohne jeglichen Vertrag – dafür mit dem Versprechen, wirklich nur den Motor zu verwenden….

Im Grunde schon mit einem 2 Liter Motor reichlich voll für damalige Verhältnisse - wo bitte soll hier der fette R6 aus dem E23 hin?

Die nächsten 4 Tage und Nächte verbringen wir in einer mässig beheizten Bosch-Werkstatt, die wir über Weihnachten benutzen dürfen. Keiner von uns glaubt, dass wir in der Zeit eine reele Chance haben, den Motor eines BMW 732 in einen BMW 323 zu verpflanzen. Wir schmieden sogar Pläne, wo wir weiterarbeiten nach den Weihnachtsfeiertagen, wenn wir es nicht schaffen. Man ahnt ja gar nicht, was man alles wegschaffen muss, um einen solchen Motor in einem E21 unterzubringen – nur, um dann festzustellen, dass es dennoch nicht passt… :-[

Als der Morgen des 27. Dezembers [ein Donnerstag] graut, springt der Motor aus dem 7er erstmals im 3er an. Die Batterie musste dafür in den Kofferraum wandern, ein paar Bleche sind verändert worden – und auch der Spritzwassertank wanderte in den Kofferraum, was in den folgenden Monaten immer wieder zu Spass führen wird, weil der Weg, den das Wasser zu Scheibe zurücklegen muss, nun weit über 3 Meter beträgt… Keine guten Voraussetzungen. Wir haben Weihnachten verschlafen und hatten viel Spaß und haben eines der coolsten Autos vor uns stehen, das es gibt – mit satten 203PS laut Bosch Prüfstand – ausgehend von 143PS des Original 323i E21 – der Hammer. Alle freuen sich auf die Ausfahrt an diesem klirrend kalten Morgen.

Der eigentliche Spass ist es, ganz alltäglich auszusehen und sich über den M3 lustig machen zu können...

Nach einer Warmlaufphase stellen wir fest, dass wir den Hammer auf die Beine gestellt haben und stellen uns bereits Ampelrennen mit glamourösen Siegen vor. Woran keiner von uns so recht einen Gedanken verschwendet hat: Ein 323i hat ein Drehmoment von gut 200NM – der Hammer für damalige Verhältnisse – aber unser 332 hat laut Prüfstand gut 290NM, die es irgendwo zu bewältigen gilt. Mit anderen Worten: Die Kupplung ist bereits vor Sylvester derartig hin, dass sie auch in höheren Gängen nur noch unwillig eine Verbindung herstellt…

Aber wir bekommen das mit ein paar Teilen von BMW hin, wenn auch nie perfekt.

Und dann ereilt uns dieser Anruf des Bosch-Dienstes: der 7er stünde ja immer noch motorlos in der Gegend herum – und jetzt sei ein 3er hereingekommen, bei dem praktisch nichts mehr funktioniere, Totalschaden – bis auf den Motor. Den könnten wir haben, wenn wir nur beide Karren entsorgen würden… Klingt fair – stellt sich aber als shocking heraus. knapp 2 Wochen später führen wir unseren neuen Siebener Youngtimer beim Tüv vor – und die sonst eher als spaßfrei bekannten Ingenieure können sich kaum zusammenreißen und sparen uns keinen einzigen dummen Witz, als wir mit unserem 718i zur Vollabnahme erscheinen. Ja… der 718i sieht immer noch sehr lässig aus  leider tut er sich mit Geschwindigkeiten über 160KM/H etwas schwer…

Nenn ihn unwürdig - aber er fährt sich gar nicht mal so schlecht, wen er genügend Anlauf hat - der E23 wurde aus gutem Grund nie serienmäßig als 718i gebaut

Glücklicherweise haben wir mittlerweile von einer niederländischen Versicherung aus einer zentralen Datenbank erfahren, dass mit dem 7er alles rechtens ist – und so lassen wir den vermutlich einzigen 718i unter der Sonne zu und fahren fast 10.000 Kilometer mit dem Wagen. Nach einiger Zeit findet der Wagen wirklich Fans unter uns – auf der Autobahn gibt er einem so eine eigenartige Gelassenheit – außerdem erweist er sich als erstaunlich sparsam, was an der Übersetzung liegen muss. Am Ende des Sommers verkaufen wir den Wagen dennoch und machen sogar einen gescheiten Schnitt.

Die Dame, die den Wagen kauft, ist Belgierin – es gibt diese Momente, da kann man ins Grübeln kommen…

Über YoungtimerBlog

Allwissenheit zum Thema Youngtimer

4 Antworten »

  1. [...] wichtigste Volumenmodell aus BMWs Youngtimer-Phase ist jedoch klar der 3er – zunächst als E21 von 1975 – 1983 [im letzten Jahr nur als 315] – dann als E30 – speziell jener ist [...]

  2. [...] gibt es immer wieder…. Leser unserer Youngtimer-Geschichten wissen das – speziell zum Thema BMW ;-> Es hätte alles so schön sein können…. BMW E34 als Coupe ist ein weit verbreitetes Motiv [...]

  3. Lars sagt:

    Toll geschrieben! Aber ich stelle mir gerade ernsthaft die Frage, ob der 7er mit dem M10 Motor tatsächlich vom Fleck gekommen ist? Ehrlich gesagt kann ich mir das kaum vorstellen :-D .

    Zu den damaligen Zeiten war selbst ein E21 323 noch etwas und gerade mit dem Motorumbau aus dem 7er muss das eine ziemlich brutale Kombination gewesen sein. Heute würde wohl jeder Golf-Fahrer vor lachen auf dem Boden liegen…

    Hat der 3er es mit dem Motor überhaupt lange ausgehalten? Welche Motorenbezeichnung hatte der 32er? Müsste doch aus der M30-Familie kommen?

    Gruß, Lars

    • …aus der Erinnerung heraus: Das Beschleunigen mit dem 718er war nicht soooo übel – aber auch nicht so gruselig wie bei einem 200D W123 vor 1980… Dabei spielten allerdings 2 subjektive Themen eine Rolle: Der Drehzahlenmesser lieferte falsche Werte und die Dämmung des 7er war verhältnismäßig besser als die des E21, was das Gefühl der Untermotorisierung etwas dämpfte. Der 332 machte entschieden mehr Spass ;-) ) Gerade, wenn man wirklich mal bedenkt, dass er leichter als ein E30 war, dessen M3 weniger PS hatte – und der galt als WIRKLICH SCHNELL

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