Youngtimer-Olymp S-Klasse – oder: Chronik einer schleichenden Sucht

GAST POST von SÖREN MATTSSON,

International Automotive Consultant


Paff!

PAFF!Der W116 von 1972 war die erste S-Klasse – verwendet wurde der Begriff erstmals Ende 1970. Auch davor gab es schon Mercedes S-Modelle – die waren aber ein Konglomerat mehrerer Baumuster und erst mit dem W116 begann Mercedes in der offiziellen Pressemappe von der S-Klasse zu sprechen.

Jetzt kann man sagen: Ja, hat sich denn da keiner gefragt, wie die W114/w115 eigentlich heißen….? Die Antwort gab Mercedes tatsächlich erst 2 Jahrzehnte später – erstaunlich – aber damals hieß Marketing auch noch Verkaufsförderung.

Auf gewisse Weise drückte sich hierin aber auch etwas aus: Die S-Klasse war enben eine echte Klasse – so wie Indische Kasten oder eben die gesellschaftliche „Oberklasse“.

S-Klasse fahren – und das kennt man heute wirklich so aus unserer Fahrzeuglandschaft nicht mehr – war echt etwas anderes. Wenn auf dem Gang eines der jungen Büromädels tuschelte, dass Herr Doktor Wichtig jetzt eine S-Klasse fährt, dann wusste auch Janina Jedermann gleich, dass das schon etwas anderes war, als „Der große Opel“ oder „Einen Mercedes fahren“.

magische Linie

2010 musste ich in der gehobenen Münchner Bäckerei „Bogenhausener Backmanufaktor“ den hohlhirnigen Dialog zweier Münchner Finanzdienstleistungsfunktionäre mit anhören, die tatsächlich beklagte, dass es die S-Klasse jetzt als VIERZYLINDER gibt – Skandal – beleidigend..! Hätte das beim Siebner auch jemanden schockiert? hat sich beim A8 jemand am 5Zylinder gestört?

S-Klasse ist S-Klasse.

Als ich klein war, da war der W116 eine Art Götzenbild für mich – an dem drückte ich mir die Nase platt – schon, um diesen unfassbar dicken Innenverkleidungen bestaunen zu können, an deren Stelle bei dem Wagen meines Vaters ein kunstbeledertes Stück Pappe klebte. Die richtig coole Großen – die fuhren die S-Klasse. Wim Thoelke, Sepp Maier und – wie mein Opa immer sagt – Mireeeh Matjöh. Ein paar Jahre später waren sie fest in Hand der Zigeuner <die hießen damals noch so! Und wir bestellten ungeniert Eis-Neger auf unser Soft-Eis…> – die zogen mit dem 350SE ihre zweiachsigen Wohnwagen und bezahlten die Kisten mit Geldscheinen von der Rolle.

Von so einem kaufte ich meine erste S-Klasse: einen weißen 280s, mit kaum nachvollziehbarere Historie, aber billig. Ich musste den Wagen haben. Das vielleicht bizarrste war die Karosserie: die war zu lang, was mir beim Kauf nicht auffiel. Richtig: Eine lange Karosserie gab es für den 280S nie – da konnte man schon stutzig werden. Stutzig machen kann einen auch die Tatsache, dass der Zigeuner, der mir den Wagen verkauft hatte, mich 3 Wochen später in der Fußgängerzone sah und etwa eine Stunde später der Wagen weg war. Hmm…

Er ist der schönste von allen - alles andere ist Kaffeehausgeschwätz

Aber der Virus, er hatte mich so klar infiziert – kaum war die Kohle von der Versicherung da, schlug ich die Samstagsausgabe auf – 3 Wochen lang vergeblich – bis der 350 SEL auftauchte, Baujahr 1979 mit ABS! <Und dem obligatorischen 6.9 Schriftzug am Heck….> – und auch wieder wieder: Im Detail nicht ganz original: Unter der Haube ein 380er Motor aus dem W126 – mit nachgerüstetem Kat von 1991. Hatte die erste S-Klasse schon ein Maß der Dinge gesetzt, das anschließend schwer zu toppen war – der hier mit seiner lässig seidigen Kraft erledigte den Rest. Ein knappes Jahr war er mein Hauptauto, endete jedoch leider auf Glatteis an einem Brückenpfeiler, während mir so gut wie nichts passierte.

Dagegen nicht versichert, erwarb ich einen Golf II aus dem Familienumfeld.

Ähm ja… Wie sag ich das jetzt….? Nicht gegen den IIer Golf, der war schon irgendwie… Also.

Sagen wir es so: Im Verhältnis, im direkten Vergleich….: Zum Kotzen.

Selbst die S-Klassen, die noch nicht so genannt wurden, hatten das Konzept des eleganten Reise-Traumwagens schon drauf

Ich war reif für den W126, keine Frage.

Was vielen Leuten nicht klar ist: Eine S-Klasse, speziell den W126 zu fahren, ist nicht so viel teurer wie einen blöden Opel oder profanen Ford oder so. Die Solidität des Wagens leistet einiges, Wertverlust ist ab einem gewissen Alter kein Thema mehr – und die kleinen Motoren sind auch in der Versichherung bezahlbar. Ein 126er der ersten Generation hat außerdem beispielsweise 14 Zoll-Räder, bezahlbare Bremsen und ähnliches. Klar: Sprit ist teurer – und wenn mal was grobes kaputt geht, ist der Wagen nix für die schmale Tasche. Aber mein 280SE, Baujahr 1983, machte knapp 2 Jahre lang alles richtig.

Mittlerweile war ich reich geworden <Naja… verfügte über ein sehr regelmäßiges Einkommen….> Und da musste ich es dann wissen.

Der W140 musste her.

Das

war

ein

Fehler

Snapshot from the Benz Family Album: Der W140 fügt sich majestätisch aber wiederwillig der Linie des Hauses. Die entspannte Coolness seines Vorgänger hat er nicht

Der W116 sah fett aus, war aber bis auf den Verbrauch ein ökonomisches Auto. Der W126 war ein ökonomisches Auto in allen Belangen.

Der W140 war es nicht.

Verbrauch – übel.

Versicherung – der Wahnsinn.

Ersatzteile – Alptraum.

Und Rost. Ich gebe zu, ich hab den Fehler vorsichtshalber 2 mal gemacht, um ganz sicher zu sein, dass es nicht die Schuld des 500ers war – aber ein 300er ist gar nicht besser…

Der W140 war einfach ein erheblicher Bruch in der Riege diskret cooler Oberklasse. Man kann den Wagen mögen – schon aufgrund seiner unfassbaren Sitze. Ich bin 1,89 und hab die dicken Sessel immer geschätzt – wie überhaupt den abartigen Platz in dieser S-Klasse. Aber der W126 war eientlich nicht mal schlechter, der W116 eigentlich auch nicht – außerdem belohnen die beide mit viel besserer Rundumsicht.

Mittlerweile könnte ich mir eine neue S-Klasse kaufen und würde damit beileibe nicht an die obere Grenze meiner Dienstwagenregelung stoßen. UNd was fahre ich?

Einen W220 für den profanen Alttag – S400 CDI Lang. Der W220 hat viele der Qualitäten, die ich auch am W126 zu schätzen wusste – nur eben auf ein historisch neues Niveau gehoben. Der W220 ist wieder diskret. Schaut man sich die Historie an, hat man das Gefühl, dass das immer abzuwechseln scheint: W108/109 – dikret – W116 protzig – W126 diskret – W140 Proz – W220 – schlicht.

Die aktuelle S-Klasse mit ihren bauchigen Radhäusern geht wieder ein Stück richtung fett – vielleicht gönn ich mir die nächste S-Klasse also doch in neu?

Nein, wahrscheinlich nicht.

Ich finde es einfach cool, diese Kiste gebraucht zu fahren. Mein 400er CDI mit satter Ausstattung <Navi, Leder, etc.> hat letztes Jahr €5.800 gekostet, 195.000 Kilometer auf der Uhr. Technisch Top, Tüv frisch, der Fensterheber hinten links defekt, Zentralverriegelung wankelmütig bezüglich ihrer Funktion. 600€ später funktioniert die S-Klasse ausgezeichnet. 27.000 Kilometer haben wir beide zurückgelegt, häufig mit Geschäftspartnern, die oftmals verwundert sind, weil sie gar nicht recht glauben mögen, dass der Wagen 11 Jahre alt sein soll. Mit dem W220 kann man sich heute noch überall sehen lassen, obwohl die Radläufe bald mal entrostet werden müssen. Aber das Konzept des Langzeitautos hat Mercedes hier dennoch wieder verwirklich, diskret und unauffällig. Einer meiner Geschäfts-Partner aus Schweden hat einen S320CDI, Baujahr 1999, 440.00 KM auf dem Zähler – optisch neuwertig.

S-Klasse ist einer Art Dauerkonzept, dass die Jahre überdauert hat.

Ach ja -Und für’s Wochenende ist da unter anderem ein W126 in meiner Garage – 420SEL, Baujahr 1989, der einmal einem mittelständischen Geschäftsführer gehört hat. 220.000KM, 5-8.000KM Laufleistung im Jahr. Der hält bis zur Rente.

New Kids on the Block: Youngtimer 2012 – wie sah die Strasse 1992 aus?

20 Jahre auf dem Buckel – für den regelaffinen Germanen die korrekte Schwelle zur Erlangung des Youngtimer-Status – für einige Versicherungen auch. Das neue Jahr 2012 kratzt bereits an unserer Tür – ist das ein Jahr, in dem viele lustige Autos zu Youngtimern werden? Wie sah die Strasse 1992 aus, wie die Showrooms der üblichen Verdächtigen?

hm...

Ganz ehrlich: Nicht so toll… 1992 war an Jahr, in dem ich sehr bewusst mal wieder die Entscheidung für einen Youngtimer getroffen habe – nicht mal aus Kostengründen. Die Gegenwartsautos waren einfach so zäh von klebriger Langeweile durchseucht, dass es einem irgendwie schwer fiel, sich substanziell für etwas neues zu begeistern.

Die drei großen teutonischen Brot- und Butter Marken waren in dieser Zeit der schlimmen Langeweile verfallen:

Gesamtmarktführer VW baute den 3er Golf – den fahren wir zwar nun sommerlich als mental-Youngtimer – ansonsten hat er im Strassenbild jedoch immer noch eine schier penetrante Präsenz – und zudem war er wohl der bis dahin weichgespülteste Golf, dem es am meisten an Charakter fehlte. Sogar von der Schlafaugen-Front mit den runden Scheinwerfern verabschiedeten sich die Wolfsburger. Buuh. Der Passat B3 war der hässlichste bislang – der Polo 86cwar stark facegeliftet und könnte einem heute im Kleinwagensegment durchaus vor die Flinte laufen.

Könnten sie sofort wieder bauen, wenn es nach uns ginge

Der letzte heckgetriebene BUS T3 war ein Jahr vorher vollständig durch den T4 abgelöst worden. Der ist schon allein deshalb nicht youngtimerfähig, weil er für Laien vom aktuellen Modell des Jahres 2012 nicht zu unterscheiden ist. Sein Innenraum der frühen 90er stinkt zudem förmlich vor der pseudogediegenen Langeweile, die VW in diesen Jahren zur Philosophie erhob. Steril klingt da schon fast noch wohlmeinend warmherzig.

Opel hatte gerade den unrühmlichen Kadett E durch den rundlich bauchigen Astra ersetzt und damit den Namenswechsel vollzogen, der in anderen Ländern längst Realität war. Aber war das ein spannendes Auto? Wahrlich nicht. Immerhin hat der Omega A  / Senator B sich mittlerweile zum ganz respektablen Youngtimer entwickelt – der stand 1992 am Ende seiner Bauzeit – mit den 93er Werksferien wurde er vom wuchtigen Omega B abgelöst. Immerhin gab es den knorrigen Frontera, der heute schon irgendwie angenehm schrullig wirkt – und natürlich historisch ein Einzelfall geblieben ist – schon das macht ihn in gewisser Weise interessant. Der Corsa A lag im letzten Facelift vor und rostete nicht mehr so stark- nicht pauschal sexy aber ein Kleinwagen von Format im historischen Rückblick.

Ford hatte immerhin noch Sierra und Scorpio im Programm, die heute in der Youngtimer-Szene einen guten Ruf genießen – der Escort war in seinem Faceliftfaceliftfaceliftfacelift des immer noch schräg auf 1981 schielenden Modells eigentlich durch, wurde aber noch volle 7 Jahre weitergebaut, Fiesta in seiner zweiten Evolutionsstufe wurde auch noch ewig gebaut und ist heute im Strassenbild wohl eher noch ein klassisches Billigauto.

BMW hingegen war in der Zeit on Top: 5er BMW cool, 7er BMW cool, der 3er schon in modisch abgerundetem Design, das wohl noch ein paar Jahre reifen muss – werden wir den je wirklich lässig finden? Vielleicht fangen wir mal zart mit dem Cabrio an und tasten uns dann mal langsam ran.

Aber da ist man ja wieder bei Thema frühkindlicher Faszination: Die Premium-Marken, hier und da ein wenig mit Chrom begossen, beim Vorstand auf dem Parkplatz gestanden… Die haben als Youngtimer immer ihre Fans. Das gilt für die BMWs dieser Phase ebenso wie für die Benze. Es muss nicht immer der W124 sein – ein W140 aus prominentem Vorbesitz tut es auch, notfalls ist auch der 190er cool… und irgendwie spüren wir schon den W202 kommen…

Um die wird sich immer jemand kümmern – ebenso sicherlich wie um die Audis dieser Epoche. Da war nicht nur der V8 in den letzten Zügen vor dem A8 – auch der letzte 100er findet so langsam seine Fans – und sogar zu recht. Ebenso hat der späte Audi 80 eine Fangemeinde, die ihn nahtlos vom begehrten Gebrauchten bis in die Youngtimer-Szene begleitet hat. Erst 2 Jahre später kommt der Schlag in der Nomenklatur in Form des bis heute gültigen A4. Die letzten Modelle nach dem alten Muster 80 -100 -200 werden daher zunehmend interessanter und sind darüber hinaus tolle Begleiter im Alltag.

Der Carina II ist seltener als man vermuten würde

Toyota, als Vertreter der Brot- und Butter Fraktion dieser kommenden Youngtimer, baute noch den Carina II als Volumenmodell, weitgehend unentdeckt bis heute, obwohl er im Innenraum einer der letzten Vertreter der US-Anbiederung im Europa-Kleid ist. 1993 kommt der Carina E, der es mit Europa ernst meint und sachlicher und moderner ist. Damals gut, aber sein Vorgänger ist natürlich heute lohnenswerter. Ebenso der Camry dieser Jahre, ein bieder luxuriöser Traum, der im Ausland sogar als Lexus verkleidet zu haben war. Lexus wird ohnehin immer interessanter. 89/90 auf Kiel gelegt, sind die frühen Modelle gefangen zwischen Moderne und Anbiederung an den Kernmarkt USA. Der Luxus dieser Modelle ist zweifelsfrei eigen und in seinem Stil auf unserem Markt so kaum zu finden – da halten auch die größeren Nissan und Honda des Jahres 92 nicht mit.

coole Linien waren auch in den 90er möglich

Die Franzosen dieser Jahre sind allesamt etwas trist – da gibt es keine großen Helden mehr – XM und R25 mal ausgenommen. Die Briten wirtschaften sich zusehends in die Pleite – selbst der Jaguar XJ dieser Jahre schwächelt ein wenig und verkörpert zum Teil kaum noch die große Katze mit seinen Breitbandscheinwerfern. Obwohl die langsam auch in die Jahre kommen und die Zeit heilt ja manche Wunde…

Nur für die Brot- und Butter Fraktion scheint zu gelten: Die Jahrgänge, die jetzt kommen, haben viel der kruden Magie eines Taunus oder Ascona verloren – und das hat nicht nur mit frühkindlicher Faszination zu tun, sondern auch damit, dass die Marken sich mainstreamen mussten in dem Versuch, der neuen Marktsituation mit etablierten Japan-Marken das beste abzuringen. Vielleicht blüht uns das also in ferner Zukunft auch wieder, wenn Hyundai und Kia so weitermachen.

Bis dahin gilt: rettet die coolen Ausnahmen – auch im neuen Jahr.

2012: Youngtimer-Blog erst ab 18

Soviel vorweg: Erstaunlich war es, das Jahr.

Unglaublich viel Feedback, viele nette Mails, die uns in regelmäßigen Abständen erreichen – das hat unheimlich Charme. Vielen Dank dafür an alle!

Pain points: Ein paar Idioten, die aus der Masse herausgeragt haben – am Ende Polizei und Anwälte und eine Unterlassungklage – aber lassen wir das. Es war auch das Jahr, in dem uns ein Autokonzern gejagt hat – und verloren hat. Das Jahr, in dem wir erstmal eingeladen worden sind, auf einer Tagung über Youngtimer zu sprechen, wovon wir reichhaltig berichten werden.

Aber: Das Thema wächst immer noch und wir haben weiter Spaß dran. Letztes Jahr hat die Abwrackprämie ein schlimmes Tief gebracht, bei dem viele viele Autos, vor allem asiatische erhaltenswerte Fahrzeuge, zu Unrecht verschwunden sind. 2011 ist da vieles wieder besser geworden. Gerade recherchieren wir an einem Artikel zum Thema, was eigentlich Autohändler mit Youngtimern heute machen – und da finden wir sogar welche, die sich die als Deko auf den Hof stellen. Das wäre vor ein paar Jahren noch undenkbar gewesen – hier tut sich was.

Ein paar Versicherer werden 2012 neue Youngtimer-Policen auf den Markt bringen, was auch zeigt, wie groß das Thema auch aus wirtschaftlicher Sicht geworden ist. Aber vielleicht hilft all das auch irgendwie, dass das Erhalten weiter möglich bleibt – auch dort, wo uns die Technologie langsam aber sicher Sorgen macht.

Aber auch wir haben für’s neue Jahr noch viel vor: Endlich auf den anderen Server umziehen, endlich den nächsten Teil von Youngtimer, die es nie gab schreiben – und Verstärken werden wir uns auch noch einmal, weil diese Videokonferenzen einfach ein Teil unseres Lebens geworden sind. Im März bekommen wir nochmals Zuwachs – und diesmal einen Journalisten, der sich auch im Bereich Franzosen und Italiener noch einmal sehr gut auskennt und sogar im realen Leben 3 Youngtimer aus diesen Ländern bewegt. Und mit dem verbinden uns auch ein paar wunderschöne Youngtimer-Geschichten – sogar die, in der das Schmuggeln historischer Pornos eine Rolle spielt ;-> Ja… da steht uns noch einiges bevor für 2012…

Es passiert also weiter was und wir freuen uns drauf – bis neulich! :-)

Youngtimer im Fokus: Skoda Favorit, eines von Lenins vergessenen Kindern

Zu unrecht verspottet im Design-Bereich - der Favorit ist eigentlich ein sehr ausgewogenes Auto

Hätte er beim Ugly-Contest dieser Tage mitgemacht – ein ungewollter Platz auf dem Treppchen wäre ihm vermutlich sicher gewesen…

Hierzulande wurden ja Ost-Autos immer ein wenig belächelt. Nach dem Mauerfall waren sie vielen Ossis dann leider so peinlich, dass sie nie so recht erhalten wurden. Dem Skoda Favorit, dessen Kombi-Bruder unter dem Namen Forman vertrieben wurde, hat das eigentlich auch nicht so recht verdient, wie so viele andere aus diesen Ländern.

Durch die Designer-Brille geblickt, umwehte den Wagen immer ein unerklärlicher Hauch von Renault – sein Nachfolger wurde ebenfalls von unbedarften Zeitgenossen eher französischer Herkunft zugeschrieben.

Er gehört zu diesen Autos, die häufig aus Hinterhöfen vor sich hin vegetieren - nie will ihn einer so recht retten

Heute löst der Wagen bei jüngeren Leuten am ehesten noch ein breites, gut lesbares Fragezeichen auf den Gesichtszügen aus. Das liegt sicherlich auch an seiner verhältnismäßig kurzen Bauzeit. Unter VW Regie wurde der Favorit schnell durch immer mehr Polo-Frischzellen abgelöst, bevor VW schließlich die ersten echten VW-Entwicklungen auf den Markt brachte – aber das war 1997 – der Favorit erschien 10 Jahre früher.

Der Favorit hat aber dennoch schräge Hingucker Qualitäten – selbst in den neuen Bundesländern schauen die Leute ihm mit dieser leicht sentimentalen Melancholie hinterher, wie man sie früher teils beim Käfer kannte. Auffallend war nämlich auch hier: Der Favorit hatte ein paar wirklich realistische handfeste Qualitäten.

Skoda war im Osten ohnehin stets für die klügsten Ingenieursleistungen bekannt – zurecht. Auch Favorit und Forman sind durchaus durchdachte Autos, die zudem beide einen ebenso anständigen Innenraum wie auch Fahrkomfort liefern. Und auch qualitativ war der Favorit nicht der schlechteste. Selbst im Bereich Rost erblasst hier mancher Golf 3 Fahrer vor Neid.

Gut gemeint aber nicht recht gut gemacht: Das Design des Kombis Forman ist deutlich schräger als das seines Limousinenbruders.

Aber klar – das Wort Youngtimer will den Leuten bei einem Wagen wie dem Favorit immer nicht so recht über die Lippen gleiten. Keiner traut sich so recht, mit einem Skoda Favorit, auch wen der Opas Bestzustand repräsentiert, aufs nächste Youngtimertreffen zufahren, um dort zwischen einem E30 Cabrio und einem 124er Coupe 300CE zu parken. Ja, klar – aber wieso eigentlich? Der Wagen hat jede Menge Leute, die auch hier die Erinnerung an frühkindliche Faszination wieder auskramen können. Spottbillig und einfach zu warten ist er obendrein. Und zu allem Überfluss gleichzeitig selten. Schon sein Name, der auf geheimen Pfaden Marketingabteilungen umgangen hat, hat etwas schrilles – ähnlich wie der zynische Wartburg Tourist – so deutet auch der Favorit ja so etwas an, wie das Treffen einer Wahl aus einem großen Angebot….

Aus einem großen Angebot kann man auch heute bei Favorit und Forman nicht gerade auswählen. Die beiden sind wirklich schnell rar geworden – zumal selbst die Skoda-Händler sie verstoßen haben, nachdem die VW-Modelle auf dem Hof standen.

Eher überschlicht

Witzig an den beiden Modellen ist das Fahrverhalten – das fühlt sich an wie ganz ganz früher Frontantrieb. Berechenbar zwar, aber Untersteuerer erster Klasse. Da kann man auch mal mit eingeschlagenem Lenkrad heftig geradeaus fahren…

Auch sonst sind die beiden Skoda Brüder berechenbar. Einerseits sind sie derzeit lachhaft günstig in der Anschaffung – wir haben uns erst kürzlich zwei richtig gute mit frischem TÜV angesehen, für die kaum 1000€ aufgerufen wurden. Am besten findet man solche im Dunstkreis von Berlin, Dresden und Leipzig – hier und da auch im Ruhrgebiet, wo sie schon mal auf dem Hof irgendwo in der Ecke stehen.

Zu diesen finanziellen Vorbedingungen gesellen sich lachhafte Versicherungsprämien [Wer klaut auch einen Skoda Favorit Youngtimer...?] – den Favorit oder Forman kann man sich also getrost mal gönnen oder einfach einen mit geringem Aufwand retten als Alltagsklassiker. Eine nette Alternative ohne viel Schnickschnack – und wer  auch sonst Spaß an Kalauern hat, kann sich ein Renault-Emblem auf die Motorhaube basteln ;->

Sim Mother: Hilfe, mein Neuwagen bevormundet mich

GAST POST von LARS DIEHL,

International Automotive Consultant


Ich mag Youngtimer grundsätzlich eigentlich nicht besonders – sie fühlen sich an wie Ballast. Unsicher, laut, empfindlich – und verbrauchen zuviel Sprit.

Aber hin und wieder fahre ich ja doch mal einen von meinen Freunden hier vom Blog. Und dann bin ich immer wieder erstaunt.

Komplexität eines Schlauchbootes

Erstaunt, weil ich feststelle, dass ich eigentlich glaube, dass all die Hilfsmittel, die wir heute haben, das Autofahren erleichtern, obwohl ich dann im Youngtimer feststelle, dass das Leben früher einfacher war.

Kürzlich gab mir ein Nachbar den Schlüssel zu seinem 3er BMW, Baujahr 2009, weil mein Wagen zugeparkt war. Er gab mir den Zweitschlüssel… Effekt: Ich setze mich in den eh nicht großen Wagen, stecke den Schlüssel rein und => werde entmündigt.

Der Sitz stellt sich auf und fährt nach vorn, die Klimaanlage pustet auf über 30 Grad, der Radiosender wechselt auf irgendeinen trällernden Mist. Warum? Normalerweise benutzt den Zweitschlüssel nur die Gattin – und die ist 1,55 gross und friert scheinbar leicht. Bis man alle Stellmechanismen gefunden hat, ist der Tag rum.

Den hat noch jeder auf Anhieb verstanden

Die Autos haben uns entmachtet.

Steige ich in einen 3er BMW Jahrgang 1989, das war der E30, dann habe ich einen Hebel, der den Sitz nach vorn stellt, Klimaautomatik kommt so gut wie nicht vor. Der Wagen bedient sich auch sonst so, wie man es von einem Wagen erwartet: Schlüssel am vorgesehen Platz reinstecken, umdrehen, gut ist. Da gibt es nicht den Startknopf, die Voice-Bedienung, die nicht funktioniert und all das. Der Wagen lässt auch nicht das Licht 20 Sekunden an, um mich am hellichten Tag nach Hause zu begleiten oder ähnlich interpretationsbedürftiges Zeug. Er hat keinen Dreh-Drück-Zieh-Stellregler, der in jedem Wagen einer anderen Logik folgt.

Die Bevormundung durch moderne Autos hat ein Maß erreicht, dass mich zweifeln lässt, ob ich eigentlich noch die Kontrolle habe – und das ist nicht gut.

Und wo schalt ich jetzt?

Einerseits macht es mir Angst (das ist mein Problem) – andererseits macht es Autos unbenutzbar. Und das ist gefährlich.

Jeder, der den letzten Siebener BMW mal eben schnell umparken wollte, weiss, wie man sich fühlt, wenn man den Schalthebel nicht findet, weil der unsichtbar hinter dem Lenkrad sitzt. Das kann nicht sein. Schlimm genug, wenn unsere Computer nur mit Betriebssysteme funktionieren, die die wichtigsten Funktionen in Sub-sub-sub-Menüs versteckt – aber die stehen nicht schräg vor der Garage oder im Weg, wenn de Zug kommt…

Vielleicht sind Youngtimer doch nicht so doof, bringen uns zurück zu dem was eigentlich zum fahren nötig ist.

Youngtimer und Neuwagen: Lada Niva

Es gibt nur zwei Wagen, die gleichermaßen als Youngtimer, im Grunde schon Oldtimer verfügbar sind – und dennoch als Neuwagen gekauft werden kann: der Landrover Defender und der Lada Niva – beides Geländewagen vom harten zähen Schlag.

Den Kommentar „Und was ist mit der G-Klasse“ lassen wir nicht gelten, da die technisch mit all ihren neumodischen Finessen und Sicherheitssystemen so weit vom Original entfernt ist wie der Golf IV vom Käfer. Der Lada Niva hingegen, der hat sich im Grunde nie verändert. In dieser stoischen Eigenschaft schlägt er sogar den Lada, bei dem die Russen wenigstens für den Zuschauer hier und da mal ein Ecke geändert, die Chrom-Applikation mal mehr zur Mitte, dann wieder mehr nach außen geschoben haben – und sich sogar die Mühe gemacht haben, den Wagen immer wieder unter neuen lustigen nichgtssagenden Namen durch den Gorki Park haben flanieren lassen.

Selbstbewusstsein der anderen Art

Der Niva hingegen wurde 1976 der Öffentlichkeit im Prinzip so vorgestellt, wie er heute noch vom Band läuft – das hat schon Klasse; da waren viele, die diese Zeilen hier jetzt gerade lesen, noch nicht einmal auf der Welt. VW baute noch den Golf 1, der Kadett hatte noch Heckantrieb. Ein innerer Zwang germanischer Regeltreue möchte da beinahe hinten im Kopf den Streber-Finger aus der Physik-Stunde heben und sagen „Ja ist das denn dann überhaupt ein Youngtimer, wenn er noch gebaut wird?“ – dann aber sagt man sich: „Hey, komm – es sind Russen – die stellen sogar alle paar Jahre einen NEUEN Youngtimer der Öffentlichkeit vor…

Tatsächlich geisterte vor einigen Jahren mal ein neue Niva durch die Presse – wurde gar schon von der Off-Road getestet, wanderte dann aber rüber zu Chevrolet, um dort zunächst modifiziert und schließlich verbogen zu werden, um ihn dann sterben zu lassen.

Eintrittskarte: Pelzmütze. Niemand kann sagen, warum dieser lässige Alleskönner uns stets vorenthalten wurde - aber wer hat schon sozialistische Prinzipien verstanden?

Den Russen juckt’s nicht, denn einerseits kann der Niva was, andererseits gönnt man ihnen schon seit Jahrzehnten auch den coolen langen Viertürer. Der – kurios genug – bei uns erst seit 2010 offiziell zu haben ist, obwohl immer mal wieder einer durch den eisernen Vorhang schlüpfte. Dann verschwand er mal wieder aus dem Programm, kam wieder, verschwand wieder, tauchte mit einem alten Peugeot Diesel wieder im Grau-Import auf and so on and so on…

auch in gehobenen Kreisen zuhause: Lada Niva

Einen wirklichen Youngtimer Niva zu erwerben – also aus den frühen Baujahren, erkennbar an den flachen Rückleuchten – ist in Deutschland langsam aber sicher unmöglich geworden. Nach der Wende sah das zeitweilig anders aus – aber die 80er Jahre Modelle aus der DDR und Polen sind längst ausgestorben. In Russland und den wie auch immer heute benannten Nachfolgesplittern der UDSSR hat man gute Chancen – aber da muss man schon ein echter Fan sein. Zumal – und hier wird es dann erneut wieder skurril – der Lada Niva als Youngtimer vielleicht 4000 Euro kostet, neu offiziell knapp 12.000, realistisch aber als Grau-Import zum reellen Strassenpreis von 8000€ gehandelt wird. [verlässlicher Partner hierfür seit Jahren: Auto Thurn in Kronach- nette Leute].

So stellt man sich bei Lada Deutschland offizielle Presse-Photos vor... Mei - hier wird halt auch gespart...

Da kann man nicht meckern: immerhin gibt es dafür permanenten Allradantrieb, eine Karosserie, mit der man ernsthaft ins Gelände gehen kann und nicht nur erfahrene Förster, sondern auch vor allem SUV-Jünger, die das 5 fache ausgegeben haben, bei Schnee und Matsch vor Neid ergrünen lassen kann.

Das hat schon irgendwie Klasse.

Coolness-Faktor gibt es on Top, zumal dann, wenn der selbstbewusste Aufkleber MADE IN RUSSIA quer über die Heckscheibe tapeziert wird. Das gibt Sonderpunkte. Und das alles zu einem Preis, bei dem selbst der Dacia Duster blass wird.

Da sagen selbst wir: Einen Youngtimer zu kaufen, macht da im Grunde keinen Sinn.

top aktuelle Kriegsbemalung

Hier kommt praktisch das beste beider Welten zusammen: einfache, überschaubare Youngtimer-Technik, aber wenn du ein Faltdach, eine Standheizung oder unverzichtbares Zubehör wie einen Gewehrhalter brauchst, bestellst Du es einfach mit.

Nur eins bietet Lade nicht an: Metalliclack. Warum?

Hm… – ganz einfach: Warum sollten sie, hä, noch Fragen?!

Alternativ kann man diesen Youngtimer sogar leasen. Das mag unter vielen Gesichtspunkten nicht mal dumm sein. 2000 Euro Anzahlung und eine lächerliche Leasingrate um 140€ können Argumente sein. Auch dahingehend, dass man den Wagen dann nach 2 oder 3 Jahren einfach wieder zurückgeben kann.

Der kurze Traum vom zeitgemäßen Nachfolger blieb zum Glück unerfüllt.... aber TRäumen wird man ja dürfen

Das kann klug sein, denn trotz einfacher und robuster Technik, bedarf speziell das Getriebe durchaus ein wenig Liebe und ist seit 30 Jahren dafür bekannt, dass es sich mit jedem Jahr schlechter schalten lässt.. Die Bremsen  und die Kupplung kommen seit 10 Jahren von einem europäischen Zulieferer und sind seitdem auch deutlich besser als etwa beim Baujahr 1987, das einen charmanten Youngtimer-Jahrgang darstellen würde. Insgesamt braucht der Lada eh ein wenig Liebe: Sein Fahrverhalten ist wirklich ruppig und rau und auch auf Nässe nicht immer die wahre Freude. Aber dennoch vermittelt einem das ganze einen altertümlichen Spaß.

Alles in allem ist der Niva heute tatsächlich in seiner speziellen Nische immer noch ein ganz guter Kauf -schrullig, knorrig im Fahrverhalten, ESP-Verweigerer und nichts für Airbagzähler – aber das sind wir ja alle nicht.

Und wo sonst bekomme ich einen Youngtimer mit Garantie?

Quality rules, 6 pots as well: BMW in der Youngtimer-Phase

Am Anfang…. da haben sie alle auf Mercedes geschaut – auf Volvo und Saab noch. Damals, als das Wort Youngtimer noch gar kein richtiges Wort war und die Eingabe bei Google keine Ergebnisse geliefert hätte [schon, weil es Google noch nicht gab...].

Dann tauchten die 02er am Youngtimer Horizont auf, später die coolen E12 und E28 – und heute ist BMW mit Audi und Mercedes an einer Stelle, an der von Volvo und Saab kaum noch einer spricht…

ja... und wieder einmal traumhaft gebannt von Phil Bayer

Was zeichnet BMW in dieser Phase aus?

1972 sicherlich einmal der totale Durchbruch im Bereich Nomenklatur. Kein Automobilhersteller hat mit einer solchen Treffsicherheit dem Sozialneid und Aufstiegswillen ein Gesicht gegeben wie BMW mit 3er 5er 7er mit der Motorisierung gleich hinten dran. Und das passierte damals mit Erscheinen des E12, 1975 zog BMW den 3er als Nachfolger des 02ers nach, dann 77 den 7er BMW als 728 bis 745i und der ungeschlagene 6er. Hinzu kamen die kleinen sozialen Abstufungen wie: Hast Du einen 3er mit 2 Scheinwerfern, hat er 4 Zylinder – nur dicke Motoren haben das komplette Familiengesicht. Das war im Marketingbereich sicherlich genial. Da war diese Ordnung, die praktisch im Prinzip selbst klar machte, dass es nach oben noch weitergeht und das man mehr erreichen kann oder muss. Daneben wirkte Mercedes mit dem 123er und der S-Klasse praktisch noch vollkommen planlos und strukturarm…

Wichtiger jedoch: Nachdem BMW bis dahin primär als Hersteller cooler Motoren galt [Bayerische MOTOREN Werke], um die man irgendwie auch ein Auto herumzimmerte, prägte sich in dieser Zeit ein Gesamtstil aus – das zum Fahrer gebogene Armaturenbrett, die angriffslustige Front für Rückspiegelschrecken, der röchelnde 6Zylinderklang… Flankiert wurde das Gesamtpaket ab Mitte der 70er zudem mit einer Qualität, die sich plötzlich nirgends mehr verstecken musste. Die Qualität war auch vorher nicht wirklich kritisch gewesen – aber die gefühlte Qualität nahm mit der neuen Nomenklatur massiv zu.

Polaroid Ästhetik in der Nähe von Wörthsee - Harry, hol schon mal den Wagen

E12 von innen mit der "haarigen" Automatik, die irgendwie keiner so recht mochte - ausserdem war die immer voll Staub

Den Anfang der klaren Ordnung machte die 5er Reihe vom Typ E12 [Entwicklung Nummer 12....]. Witziger Weise motorisiert mit 2 Vierzylindern [520/4 und 520i]. Der erste 6 Zylinder, die über gut 40 Jahre den Charakter des 5er prägen sollte, erschien erst ein Jahr später, 1973, im 525. Ursprünglich sollte die Aufrüstung der E12 Reihe schneller erfolgen – doch die Öl-Krise mit ihren symbolischen autofreien Sonntagen kam dazwischen. Also schob man erst einmal den 518er BMW vor – wieder einen Vierzylinder also – um die Öffentlichkeit ruhig zu stellen. Realistisch verbrauchte der 518er Vergaser zwar auch nicht weniger als die größeren 2 Liter-Maschinen, aber politisch machte er sich einfach besser…

Bis zum Ende der Bauzeit zogen dann sogar die ersten M-Maschinen mit satten 218PS im 5er Einzug [M535i] – und mehr und mehr übernahm die Einspritzung das Regiment – und im Gegensatz zum 518er sparte die wirklich Sprit.

Die Erfolgsgeschichte des 5ers ging weiter mit dem Typ E28, dem die Presse vorwarf, allenfalls ein Facelift zu sein – faktisch war der E28 dem E12 vor allem im akustischen Bereich deutlich besser, ebenso war das Fahrwerk 2 Klassen erwachsener, vor allem im gebotenen Federungskomfort. Irgendwann gab die Fachpresse nach und liebte den E28, noch mehr seine Nachfolger E34 und E39.

Auf den waren sie zurecht Stolz, die Münchner

Klischeehaft - aber darin war der 3er wirklich groß!

Spätachtzigerromantik - P. Bayer

Das wichtigste Volumenmodell aus BMWs Youngtimer-Phase ist jedoch klar der 3er – zunächst als E21 von 1975 – 1983 [im letzten Jahr nur als 315] – dann als E30 – speziell jener ist heute ohne Zweifel einer der interessantesten Youngtimer, speziell auch, weil der E36 designerisch die Abkehr brachte von Traumproportionen im 3Box-Design. Speziell als Cabrio ist de E30 für viele noch immer ein Maß an Ausgewogenheit. Der 3er definierte das Baumuster der sportlich kompakten Limousine, an der sich immer mal wieder der eine oder andere mit wenig Glück versuchte. Alfa kam mal eine Zeit lang recht dicht an die Idee ran, konnte aber leider BMW qualitativ nie das Wasser reichen. [Hier geht's zum Beschwerdeformular für religiöse Alfisti...]. Audi zu frontegtrieben, Mercedes zu wenig sportlich… Nein – der 3er hat sich seinen Ikonen-Status zurecht erarbeitet. Es ist einfach ein ganz besonderer Spaß, diesen Wagen zu bewegen – und das gilt sogar noch für den E90 in seiner speziellen Art.

3er und 5er ist in dieser Phase die spielerische Art gemein, mit der sie mit sich spielen lassen, was man in unzähligen Videos auf YouTube abendfüllend anschauen kann [vorausgesetzt die Kinder sind im Bett...]. Selbst charakterlich starke Männer scheinen in diesem Wagen einen psychologischen Knacks zu erleiden, der sie mehrere tausend Jahre evolutorisch zurückwirft… Zwischengas? Wieso denn nicht! 6500 Touren sind doch nicht viel – Da geht noch was! [Die Autoren dieses Berichts, obwohl teils weiblich, nehmen sich da nicht aus....].

Schon das Röcheln dieser 6 Töpfe…

E23 - das Manager-Auto für Selbstfahrer

Den 7er fuhr später sogar James Bond und wirkte cool darin - viele Manager zogen ihm der klumpigen W140er S-Klasse vor - das machte den 7er phasenweise zur bestverkauften Oberklasse

Okay – aber ganz sachlich befanden sich die Highlights tatsächlich bei BMW hier und nicht zwingend weiter oben. Nichts gegen den E23 und den E32, die gehören zu den coolsten Fahrzeugen der Youngtimer-Periode generell – aber sie sind nicht so notwendig wie bei Daimler. Ein W126 ist immer cool. Ein E23 auch – aber der E28 verblasst nicht so sehr neben ihm.

Ob man das Design nun mag oder nicht - der 8er ist unverwechselbar

Ein Glanzlicht der Szene sind die 7er und die 6er dennoch zweifelsfrei. Und auch sie lassen sich unglaublich spielerisch bewegen – vor allem der E32 war damals wirklich die neue Definition von Leichtigkeit [wobei man zugeben muss, dass der E38 irgendwie.... naja - lassen wir ihm noch einen Moment Zeit zum Reifen....].

Eine interessante Karriere hat sicherlich noch der 8er vor sich. Neben dem 6er wirkte der im ersten Auftritt zwar immer ein bisserl wir Caterpillar Boots zum Abschlußballkleid – dennoch hatte er etwas visionäres im Design – und gab darüber hinaus klar vor, wie Innenräume fortan aussehen sollten – aus einem Guss!

Generell gilt: Kauft sie jetzt! Hier gibt es noch ein echtes Stück automobilen Kulturgutes in Form frei saugender Sechszylinder zu kaufen, während BMW die Stück für Stück gegen 4 Zylinder ersetzt [die mit dem Kopf ja okay sind und die Hälfte verbrauchen, schon klar...]. Mit dem Design, über das man ja traditionell streiten kann, hat BMW dann irgendwann auch den einen oder anderen schrägen Twist hineingebracht. Der 7er, der zu Anfang des Jahrtausends erschien, warf designerisch sicherlich mehr als nur die eine oder andere Frage auf – und weder Facelift noch Nachfolger wollten die so recht umfassend beantworten. Den 6er kann man mögen – aber er macht es einem auch nicht wirklich leicht, oder?

Vielleicht heilt auch hier die Zeit designerische Wunden. Dennoch: Die Ausgeglichenheit eines E34 werden wir nie mehr finden, das feine Gleichgewicht eines E38 wurde nicht mehr erreicht, das klare prägnante Design eines E30 verbietet heute die Aerodynamik-Komponente im Automobilbau. Die Charmante Kreuzung aus Qualität und Zuverlässigkeit bei gleichzeitig überschaubarer Technik ist ebenso klar für die Zukunft ausgeschlossen.

Also: Worauf wartest Du noch?

Selbstversuch: Handy-Youngtimer

…hatte ich in den letzten Jahren mehr Handys oder mehr Autos…? Ich müsste es mal nachrechnen – aber viel nimmt es sich wohl nicht – schon deshalb, weil ich, wenn ich einen Youngtimer mit Handy-Halterung erworben hab, auch meist das entsprechende Handy dazu besorgt hab.

Noch geiler find ich persönlich natürlich die coolen Mittelkonsolen-Versionen – hier war BMW lange Zeit führend cool.

Wichtiger kann man sich nicht vorkommen: Telefoneinbau von 1992 - die Insignien der Macht von damals. C-Netz-Telefon mit historisch wirkendem Hörer

Jesus – das war was wirklich lässiges. Erinnere mich noch an den ersten Anruf, den ich auf diese Weise entgegengenommen hab – mit dieser klassisch geringelten Telefonschnur dran! Aber darum soll’s hier ja gar nicht gehen. Wir haben ja schon mal über Handy-Youngtimer philosophiert - und jetzt ist es hier mal so weit: Wir machen die Probe auf’s Exempel.

Tag eins: Einlegen einer Sim-Card in ein Siemens E10D – der germanische Rivale des damaligen Top-Seller-Klassikers Nokia 5110. Klassiker… Gibt es Klassiker in dieser Szene? Ja – wenn es sowas wie Handy Youngtimer aus der Business Szene gibt, die man auch heute in vielen Youngtimer-Autos als Festeinbau oder Halterung findet, dann sind das diese hier:

Siemens S6 / E10

Siemens S35 / S35i

Nokia 5110

Nokia 6110 / 6210 / 6310 [passen alle in die gleiche Halterung!]

Erschien uns damals unfassbar modern mit seinem ausnehmend großen Display... Nokia 6210

Das waren die Marktführer der Business-Handys, bevor der Markt unübersichtlich wurde. Wir haben jedes einzelne davon! Unfassbar. Irgendwie war mir so, als hätte ich die alle bei eBay verkauft – aber in paar kamen immer mal wieder mit dem einen oder anderen Auto reingespült.

Ich starte den Tag mit dem Siemens E10. Das war mein erstes eigenes Handy, nachdem ich zuvor eines von E Plus als Diensthandy hatte – in GRÜN! Ich hab damals nie ganz verstanden, was das E10 vom S6 unterschied – auch heute, wenn ich sie nebeneinander halte: Das S6 ist irgendwie häßlicher, kann aber das gleiche – und es gab auch diverse Motorolas damals, die exakt die gleichen Menüs und Fähigkeiten hatten… War damals auch schon eine eigene kleine Parallelwelt – und Vergleichsportale gab es 1997 auch nicht – da kaufte man sich die Connect und fraß sich durch lange Tabellen, wenn ich mich richtig erinnere – oder man ließ sich von dem Typen im D2-Shop übers Ohr hauen. D2? Ja, so hieß das heutige Vodafone damals…

Schon beim Starten des Siemens-Handy Youngtimers E10D tritt das erste Problem auf: Das Netz „Base“ ist dem Telefon nicht bekannt. Daher heißt es „Unbek.Netz“ – mehr Platz ist im Display nicht.

Wenige Sekunden später informiert mich mein Provider, dass jetzt gleich die Internet-Einstellungen für dieses Telefon per SMS kämen. Hä? Internet? Mit der folgenden SMS werde ich dann informiert, dass für mein Telefon keine Internet-Einstellungen vorlägen [überraschend!] und ich mich dem Studium meiner Bedienungsanleitung widmen sollte. Ob das hilft…? ;->

eigenartig - ich finde den Link zum App-Shop irgendwie nicht. Wo stellt man hier das Bluetooth-Profil ein?

Weg zur Arbeit. Mein Auto teilt mir mit, dass die Kopplung mit Bluetooth gescheitert sei – auch wieder nicht soooo überraschend, da Bluetooth auf meinem 14 Jahre alten Handy noch nicht erfunden war… Das ist schon reichlich blöd. Im Stau will ich eine SMS tippen und sagen, dass ich später komme – ich hab vergessen, dass auf diesem Handy keine Stauwarner-App drauf ist :-(

SMS tippen gestaltet sich schwierig. Kein T9 und tatsächlich kann das Display auch nur 2 Zeilen Text darstellen und bei 160 Zeichen ist unwiderruflich Schluß. Eine erklärernde Fehler- oder Hilfemeldung dazu gibt es nicht, weil für die kein Platz da ist…

Bei dem Display fragt man sich heute ernsthaft, wie SMS eigentlich zum Erfolgsprodukt werden konnte - und das ohne T9

Gegen 10:10 schockt mich der erste Anruf – Ein Klingelton wie ein Atom-Alarm. Das runterladen von Klingeltönen war noch nicht erfunden im Hause Siemens Ende der 90er – dagegen kann man also auch nix machen… Alptraum. Es gibt entweder 5 Klingeltöne, die alle weitgehend nach Super-Gau oder mindestens Feuerwehreinsatz klingen – oder man schaltet auf Stumm. Das ist allerdings blöd, weil es auch noch keine Vibration gab…

Immerhin kommt man mit Menschen ins Gespräch. Viele sagen solche Sachen wie „Das hatte ich auch mal…!“ Die jüngeren starren einen zum Teil entsetzt an und wissen einfach gar nicht, was sie mit diesem Gerät anfangen sollen. Es ist von ihrem Samsung Galaxy soweit entfernt wie der Audi A7 vom Rolls Royce Silver Ghost. Kein Mensch wüsste heute noch, wie man einen Motor per Kurbel startet, oder? Irgendwie hat man das gar nicht so richtig realisiert, was die Handys von heute alles können – dafür wird einem klar,warum der Ausdruck SmartPhone damals zurecht noch nicht existierte…

Als ich gegen 10:10 mein erstes Photo posten möchte, gebe ich auch – kein Photo, kein Posten, nix. Richtig – damals hatte man eine Kamera, im günstigsten Fall war die Digital und konnte so etwa 640*480 – aber nur 10 Bilder, dann war sie voll. Und wo hätte man die Bilder, nachdem man sie mit irgendeinem Kabel, das nur zu dieser Kamera und nichts anderem passte, auf den PC übertragen hatte – diese Bilder posten sollen? Auf Gesichtsbuch.de? Nein…

Ich geb’s auf… Vielleicht versuch ich morgen mal das S35i – das hatte sogar WAP….! Ihr wisst nicht, was das ist, Kinder…? Recht habt ihr, das braucht ihr auch nicht….

Ich frage mich, ob so auch ein paar Kollegen auf mich schauen, wenn ich mal wieder mit einem 25 Jahre alten Auto vorfahre, das weder ABS, noch ESP oder überhaupt irgendwas zum Bluetooth koppeln hat…

Fakes „r“ Us…. welcher ist denn nun wirklich der schönste Youngtimer?

Hmmm… die Zugriffe auf den Server eskalieren, die Abstimmungsergebnisse zeigen mal den vorne, dann wieder jenen – Spannung pur ;->

Am Ende sind die oben, mit den irgendwie alle gerechnet haben, aber es passiert etwas schräges: Wir schließen die Abstimmung und 2 Minuten später hören auch die Zugriffe auf die Abstimmung auf.

Hm? Kam das im Radio? Hat irgendwer den Leuten gesagt „Ihr könnt jetzt aufhören…?“ Leser Christian Zöllter vermutet da um diese Zeit schon Schiebung.

Tja, und in der Tat – es gab keinen magischen Radiobeitrag – im Gegenteil, Eigentlich ist es eher profan: Du wertest den Serverlog aus, du ordnest das ganze und im ersten Moment fndest Du nix doppeltes… Puuh, kein Fake… Ah… Wart mal… Hier hat jemand etwas klügeres gemacht. Dumm ist er dennoch, weil die Spuren sich doch finden lassen – und zwar mit ein wenig Mühe und ein wenig Hirn. [und sogar auf die IP zurücktracen lassen und für die nächste Abstimmung sperren lasse, Mr. JD, aber das nur ganz am Rande ;-> ] Kindisch ist es obendrein und Arbeit macht es uns auch noch. Aber egal.

Also: Exel-Tabelle raus, manuell zusammenführen, gefakete Ergebnisse rausrechnen – und plötzlich wandelt sich das Bild hin zu den Fahrzeugen, die von ihren Fans hier wirklich supported worden sind.

Und dieses Bild ist ein gänzlich anderes.

taataaaaaaaa!

Here are the true results:

Platz 6, der in der Top 5 ja bekanntlich keine Rolle spielt, geht tatsächlich an den vermeintlichen Gewinner der Abstimmung: der Mercedes W124 – bei dem jedoch finden sich leider die meisten Stimmen vom Abstimm-Computer. Wie hieß es da früher „Die waren doppelt, die ziehen wir ab“.

Inszeniert von Andreas Grav

Platz 5

geht an den Saab 900. Hier kamen sogar Foren in anderen Ländern auf den Geschmack und riefen ihre Mitglieder zur Abstimmung auf. Realer Support, grenzübergreifend.

Trotziges Design, wunderschön in Szene gesetzt von Leser Martin Rudolph

Plaz 4

bei den am meisten supporteten Youngtimern genießt der heimliche Sieger dieser Wahl: der Ford Sierra, der phasenweise die Abstimmung anführte. Und in den Diskussionen kam immer wieder zum Vorschein, dass da bei längerem Nachdenken irgendwie was dran ist: Der Sierra ist irgendwie ein hübscher Youngtimer.

In Szene gesetzt von Uwe Hajny

Bronze

erhält der Mercedes W201. Interessanter Weise hatte der auch in Summe die meisten Klicks auf das regnerische Bild von Kevin Roggensack, das den Mercedes W201 Youngtimwer pauschal nicht als Strahlemann zeigt, sondern eben als Alltagsklassiker.

Silber

gibt es für den BMW E30 – hier noch einmal gezeigt in einem wunderschönen Bild – und ihr dürft raten, wer das fotografiert hat ;->

von Philip Bayer in realromantisches Setting platziert

GOLD

Geht an einen, von dem wir das nicht unbedingt erwartet hatten, aber wenn sich der Nebel des Fakes erst einmal legt, dann sind es häufig die schlichten geheimen Wünsche, die zu Tage treten…..

Der Winner ist der Ur-Ahn des heutigen A8 – der Audi 200. Eine der lässigsten Business-Limousinen, die die deutschen Premium-Schmiden wohl je hervorgebracht haben und leider längst vom Aussterben bedroht.

Aber hier ist er noch einmal der goldene Schwan.

Vielen Dank für all die ernstgemeinten Stimmen und an all jene, die ihre Foren auf die Abstimmung aufmerksam gemacht haben – wir haben jede Menge neuer Fans und aktiver Follower, die wir vorher nicht hatten.

Youngtimer-Geschichten IV: E21 meets W123 – BMW 5er E28

Als ich den E28 zum ersten mal fuhr, war ich so um die 18 – der E34 war noch recht neu auf der Straße und wenn jemand 5er sagte, sah ich vor meinem geistigen Auge immer noch den E28. Ein Freund meines Vaters hatte einen dunkelblauen 528i mit ebenfalls dunkelblauer Innenausstattung und unfassbar scharfen TRX-Felgen – das war ein Auto… – erst recht wenn man einen Kadett B sein Eigen nannte.

So soll er aussehen: Gehobene Mittelklasse im BMW Stil der 80er Jahre

Ich werde das nie vergessen… Ich spüre praktisch noch heute im Hintern, wie sich das Fahren im E28 anfühlte, wie es roch, wie es sich anhörte – und vieles vom BMW Virus packte mich an diesem Abend, als ich den Wagen das erste Mal fahren durfte. Und in meinem Kopf spüre ich noch den damaligen Gedanken: „Best of both Worlds….“ – dieser Wagen hatte das knackige des BMW E21, erfüllte aber gleichzeitig auch Auftritt, Status und Raum-Anspruch der gehobenen Mittelklasse im Stil des W123 – ohne dessen mentale und moralische Schwerfälligkeit zu tragen…

Irgendwie spürte ich, dass dies der perfekte Kompromiss sein könnte – und ich beschloss noch in dieser Nacht [ungefähr auf Höhe von Hilden auf der A46], dass ich mir eines Tages einen 5er BMW diesen Tys kaufen sollte.

Knapp 2 Jahre später festigte sich diese Entscheidung, als ich erstmals einen 525e fahren durfte. Nachdem der 5er für mich bereits die perfekte Synthese aus den für mich damals coolsten beiden Autos darstellte, fügte der 525e dem i sozusagen 3 Tüpfelchen gleichzeitig zu. Einmal dieser Perfektion in den Maßen, dem Fahrwerk, dem röcheligen Motor, der knackigen Schaltung… also alles eigentlich – und dan noch dieser Motor, der von unten aus dem Nichts kam, wie kein Zweiter. Nicht wie dieser Fausthieb-Punch der frühen TDIs oder so. Das war vielmehr, als sitze jemand hinter dir, der dich permanent drückt. Hammer – die Paarung aus einem großen Motor und niedriger Leistung. Puuuuhhhh… Auch hier: Ich spüre das Original BMW-Fahrgefühl dieser späten 80er BMWs immer noch, fühle die berechenbare Perfektion im Handling, die Lenkung, die dir genau sagte, was da unter die vor sich geht, dieses schelmische im Fahrverhalten, dass so gar nicht in die Klasse des W123 / W124 zu passen schien – wie kurze Anzughosen auf der Vorstandssitzung.

Ein Traum.

In dieser Nacht beschloss ich, dass ich mir eines Tages – ach nein, beschlossen hatte ich das schon… Okay – in dieser Nacht – was soll’s, ihr wisst schon; ihr habt das alle schon mal erlebt.

ich überspringe einige Verse… Eines Abends in den frühen 90ern stehe ich hinter der Kasse einer prominenten Tankstelle in einer kleinen Stadt, in der ich mir mein Studium zusammenverdiene. Meine Schicht wird gegen 8:00 zuende sein. Anschließend werde ich diesen Rucksack schultern, der unter der Kasse steht und mit dem darin befindlichen Geld einen 486DX100 mit unfassbaren 8 Megabyte RAM kaufen [Hey - jetzt mal sachte! Das war damals sowas wie der 450SEL 6.9 der PC-Szene - auch wenn mein Smartphone heute mehr kann....]. So ist der Plan. Dann kommt dieser Typ an die Tanke, parkt seinen E28 am strassennahen Rand des Geländes, kommt rein, legt mir den Schlüssel des Wagens auf den Tisch und sagt: „Ich hab mit Deinem Chef vereinbart, dass ich den hier hinstellen darf – zum Verkaufen. Wenn ihn jemand fahren will, gib ihm den Schlüssel, okay? Hier ist meine Nummer, wenn einer Interesse hat – und verhandel nicht mit den Leuten über den Preis oder so, klar?“

„äh… klar… Was soll der denn kosten?“

„Hängt n Zettel drin – 2250.-“ Er zwinkert mir zu. „Wen ich ihn für 1900 weg bekomme, ist’s okay – aber das sagste keinem, klar. Papiere liegen hinten im Büro, Kaufvertrag auch.“

„Klar….“

hm….

22:30… riesen Ansturm auf gekühltes Bier und Holzkohle.

hm…

23:10… Der Ansturm legt sich. Du machst die Waschanlage zu, räumst hier und da – ach Blödsinn: Du drückst Dir die Nase am E28 platt. Woher kommt dieser Schlüssel? Und hey – jetzt mal im Ernst: der $86 DX 33 mit seinem 4 MB ist nicht der schlechteste Rechner, oder? Und Fahren kann der DX 100 nicht, oder?

Zugegeben – der E28 ist nicht der Schönste. Er hat zwei mattschwarze Kotflügel vorne – und dieses graugrün ist echt nicht gerade hip, die Innenausstattung viel zu hell… der 525i – hm, muss man mögen.

Wieso wählt jetzt meine Hand diese Nummer? Hallo?

„Ja?“

„Also äh… ich hätte hier einen Interessenten für den BMW.“

„hm…? Es ist halb eins….“

„Klar, hey, wir haben die ganze Nacht auf, so ist das, weisst Du…?“

„hm…“

„Also, er würde 1700 zahlen – aber nur unter einer Bedingung: Er will den Wagen SOFORT mitnehmen.“

„SIEBZEHNHUNDERT?? Auf gar keinen Fall!“

„Naja – mir soll’s gleich sein – aber hey, er sagt, er hat Bargeld – er könnte mir das alles gleich geben, Du kannst ausschlafen und morgen die Kohle abholen.“

„Aber nicht für 1700!!!“

„Klar…. Aber ich sag mal: Hier waren ein paar Kunden, die über den Preis echt gelacht haben, ja….? Mit den Kotflügeln und so. Ich meine: Mir ist’s ja egal. Also der Typ kommt in 10 Minuten nochmal vorbei. Denk drüber nach. Mir ist’s ja egal.“ Schnell lege ich auf. Komm – ich hab ihm eine faire Chance gegeben – ich hätte 1900 sagen können – aber so habe ich die faire Chance, dass er das einfach unverschämt findet und ablehnt. Ich blättere in der aktuellen Auto Motor und Sport und kaue an den Fingernägeln. Dann klingelt das Telefon.

„Okay – mach den Kram fertig. Sorry, dass ich eben so rumgemeckert hab – never shoot the Messenger; du hast was gut bei mir.“ Klick

äh…. Wie jetzt? Ich bin Besitzer eines 5er BMWs? Das dürfen meine Eltern nie erfahren – meine Freundin tötet mich..

Andererseits: Ich bin Besitzer eines 5ers!!!

Wie geil ist das denn???

Gegen 03:45, die Zeit, in der keine Sau zum tanken kommt, sperre ich kurz zu und fahre den 5er heim. Ich fühle mich, als wäre ich von heute auf gestern oder so zum Chef eines mittelständischen Unternehmens befördert worden oder so… Ein Traum. dieser 6zylindrige Klang… Diese lässig entfaltete Kraft – kein 525, okay, aber immerhin – und 1700 Mark! Dafür kriegt man bei den Fähnchenhändlern an den Ausfallstraßen kaum mal einen 316!

What the fuck – 3 Lackdosen und ein bisserl Haftgrund später steht der Wagen da wie ne eins.Bisserl Teppichschaum auf die Sitze… der Wagen sieht nach kurzer Zeit aus wie neu. Ich mag Cockpit-Spray nicht – aber es macht was her. Glaubt man’s? mein Momo-Lenkrad passt auch auf den!

Ich denke noch heute oft zurück an diesen Wagen – im Ernst. Nie werde ich diese Gefühl vergessen – BMW Fahrer verstehen den folgendne Satz – „Mit dem Du den E28 im Hintern spürst“. Die Art, wie Du genau weißt, bis wohin exakt Spaß geht und was danach kommt.

Was für ein Auto!

Hat einfach Linie

Ich halte die Erinnerung an diesen Wagen in höchsten Ehren – 4 Monate hielt ich ihm die Treue. Das war genau die Zeit, die ich es schaffte, der Steuerforderung zu entgehen. In den lauen Sommerabenden in meiner Studentenstadt ließ ich mit den elektrischen Fensterhebern die Seitenscheiben herunter und kam mir vor, als würde ich für die Bundesregierung arbeiten oder so. Es war eine schöne Zeit, wunderschön.

Später konnte ich die Steuern lässig bezahlen – denn wieder mal hatte ich Glück. Einer meiner Professoren sah mich, wie ich des morgens ein Schild ins Hinterfenster klebte und dort den Mondpreis von 2950 Mark hineinklebte – in den frisch an meiner Tankstelle gewaschenen und gereinigten BMW, der irgendwie gut aussah…

Wir einigten uns auf 2600.

Am folgenden Tag erwarb ich einen Pentium 100 – mit 16 Megabyte RAM.